„Wann und wie wird man eigentlich genau verrückt?“

Los kommt schon! Scheißt ihn endlich voll!“

Ich schlenderte am winterlichen Rheinufer entlang, als diese Worte mein Gehirn erreichten. Der Wind schnitt nicht nur kalt, nein, er ritzte schon fast schmerzhaft im Gesicht. Wie sonst nur traurige sechzehnjährige Mädchen des Nachts mit Rasierklingen ihre Arme.

Ja.. gut so kommt alle her, Kinderchen und kackt ihn von oben bis unten voll!“

Ich wand mich um und sah direkt ins Gesicht dieses sanft wirkenden Mannes. Er stand lächelnd auf dem weitläufigen gepflasterten Platzes am Fluss und warf unablässig Brotkrumen hoch in die Luft. Unzählige Möwen flatterten um ihn herum, schnappten nach Brot, kreisten, stiegen hoch auf oder stießen wieder auf ihn herab. Er sah mir milde direkt in die Augen während ich mir mit eingezogenem Kopf einen Weg durch schlagende Flügel und Möwen Geschrei bahnte.

Ja, ja, scheißt ihn nur voll!“, rief er erneut in gütigem Tonfall. Als wenn es eine Art Huldigung an mich wäre.

Sein Blick heftete sich an mich und folgte mir, bis ich seine geflügelte Kinderschar hinter mir ließ. Ich vermied es mich erneut umzudrehen.

Wann wird man eigentlich genau verrückt und wie fühlt sich das dann an?“ Diese Fragen kicherten hüpfend und fröhlich durch meinen Kopf. Ist das ein schleichender Prozess? Mit Aussetzern dann und wann? Kleinen Wahrnehmungsfehlern am Montag und winzigen Schnipseln falsch verstandener Worte Donnertags? Oder wachte man eines Morgens auf und war völlig wahnsinnig? Bemerkte man so etwas ganz langsam selbst oder ging einfach die eine Realität nahtlos in eine andere über?

Ich schlenderte weiter in Richtung der frostigen Altstadt, mit eher unbestimmten Ziel und im Grunde sentimentalem Vorsatz. Der Möwenkot-Mann hatte einen alten Gedanken in mir wieder hervorgebracht. Als wenn er im Vorübergehen, nur mit Hilfe seines Blicks und grotesken Worten, zwei Finger in meinen Hals gesteckt hätte, damit ich diese Fragen wieder leichter hervorwürgen konnte.

Denn bisweilen gab es sie ja, diese merkwürdigen Tage, die recht unverdächtig und beschaulich begannen, dann aber einen seltsamen Drall bekamen und dabei sachte abglitten in äußerst dubiose Sphären des blanken Irrsinns. Fast beiläufig, so als ob es gang und gäbe sei, das karierte Nashörner schwerfällig auf Krücken schnaufend, im dritten Stock Pakete für verreiste Nachbarn abgeben wollten.

Das musste mal so kommen, kein Wunder!“, kopfschüttelnd zog die ältere Frau ihre Haustür hinter sich zu und hantierte mit ihrem Schlüssel. Ich hatte mittlerweile eine schmale Gasse ohne Autos erreicht, das Kopfsteinpflaster knirschte feucht unter meinen Schuhen.

Ich habe ihn immer gewarnt, immer und immer wieder habe ich ihm gesagt; Junge sieh da nicht hin! Das ist doch ganz großer Schund, das verdirbt dir nur den Kopf!“

Abwinkend drehte sie sich um, steckte ihren Schlüssel ein und schlich gebeugt die Gasse hinunter. „Immer und immer wieder …aber nein …das hat er jetzt davon!“

Mein Gang trug mich durch kleine Straßen und Plätze, die eher zu meiner Vergangenheit als zum jetzt gehörten. In dieser Stadt, die ihre Dörflichkeit schon im Namen hinter sich herschleppte und mich früher einmal einige Jahre beherbergt hatte.

Im Grunde wollte ich ja eigentlich nur mein Hirn spazieren führen. Es einfach von der Leine lassen, wie einen unausgeglichenen Hund, den es an merkwürdige Ecken, vollgepinkelte Laternen und feuchte Torbögen zog. Immer die Nase voraus. Völlig Impuls getrieben. Ich würde hinterher schlendern, mit Blickkontakt, aber ohne große Strenge. Irgendwann käme das Gehirn schon wieder zurück getrollt. Bei Fuß gehend. Zur Not würde ich einfach laut pfeifen. Auf Pfeifen reagierte es immer. Das Hirnchen.

Also bewegte sich mein Körper weiter. In so eine Art Erinnerungsrundgang. Einzig erinnerte nichts auf diesem Weg an Verbrechen an Filmstars in ihren illustren Villen oder historische Sehenswürdigkeiten von Rang, nein. Alles nur Trigger meiner Vergangenheit. Es war schon ein wenig auffällig, das mich bestimmte Gebäude oder Straßenzüge oft an irgendeine Frau erinnerten. War ein Mann wirklich so eindimensional und vom Unterbewussten gesteuert, das er fast nur Weibern nachhing? Ich spürte, wie sich mein innerer Psycho-Therapeut kichernd räusperte, das Monokel zurechtrückte und beflissen eine weitere der unzähligen Seiten seines imaginären Protokollheftes vollkritzelte.

Mein Gehirn war augenscheinlich ein Rüde, immer auf Witterung längst vergangener Hündinnen.

Und so ist die eigene strukturelle Einfachheit doch oft sehr erschreckend.

Hatte ich nicht noch vorhin die Frage aufgeworfen, wie das nun mit dem Beginn des Wahnsinns sei? Oder wann man endgültig in einen verbotenen Korridor hineinschlich und diese einzige Ausgangstüre krachend ins Schloss fiel? Für immer?

Ich ließ mein läufiges Gehirn weiter durch die Gegend streifen und näherte mich wieder der Erörterung des Alltagsirrsinns.

Nur wenige Menschen kreuzten inzwischen meinen Weg. Es war einfach zu kalt, zu grau und zu unwichtig heute. Ein bedeutungsloser Dienstag. Niemand wollte jetzt Zeit in einer Stadt ohne neue Saison-Ausverkäufe, oder einem betrunkenen Wochenende im Schlepptau, verschwenden. Ich befand mich in einem üblicherweise von Menschen förmlich verseuchten Gelände, das heute einfach mal mit sich alleine sein wollte.

Egal was sie fragen wollen, die Antwort lautet: Nein! Ich will auch gar nicht erst darüber sprechen. Das hat gar keinen Sinn.“

So rief mir der Mann an der Würstchen-Bude des Marktplatzes zu.

Das wird ein hartes Stück Arbeit, das kann ich ihnen sagen“, flüsterte es von hinten.

Ich bräuchte mich erst gar nicht umzudrehen, denn da würde niemand stehen. Diese Stimme kannte ich schon. Die war nie zu sehen. Zwecklos, da hatte der Würstchen-Mann allerdings recht. Schon rief mir mein schwanzwedelndes Hirn aus einiger Entfernung aufgeregt zu:

Hier… hier hast du immer gestanden und gewartet, bis sie Feierabend hatte. Sie hat sich oft darüber wirklich gefreut und gierig viele Zigaretten geraucht. Weißt du noch? Dann bist du mit ihr nach Hause gegangen und ihr habt gefickt! Ich war dabei, ich erinnere mich genau! Und da hinten siehst du? An der Ecke? Da hat früher diese T. gearbeitet. Erinnerst du dich? Sie war sehr groß und bewegte sich langsam und würdevoll. Fast wie eine Aristokratin. Aber im Grunde war sie vor allem sehr unglücklich. Das war schön, irgendwie. Sie hat dich gerne geküsst und danach geweint.“

Mein Hirn war heute sehr geschwätzig. Ich hatte vieles von alledem fast völlig verdrängt, aber dem räudigen Verstand war es wohl sehr wichtig dies noch einmal hervor zu kramen. Wurde man denn nun augenblicklich verrückt, oder gab es immer einen sukzessiven Auflösungsprozess?

Verdammt, er hatte recht, da vorne tauchte langsam die Leuchtreklame dieses großen Modeladens auf. Sofort musste ich an ihren langen weißen Schwanenhals denken. Ob sie dort inzwischen vermodert war, in dem riesigen Laden? Mit Moos und Flechten überzogen, als Statue ihrer selbst, auf langen Beinen durch ihr Reich schreitend, wie eine böse, königliche Stiefmutter?

Mein Hirn hechelte fröhlich voraus und mein Körper lief einfach hinterher, hinein in ihr textiles Fürstentum. Beim Eintritt in den zweistöckigen Laden schlug direkt die Sicherheitsanlage piepend an, doch niemand interessierte sich für mich. Mit schon vor langer Zeit eingeübten Blick erkannte ich rasch ihre Abwesenheit in dem Geschäft. Was mich irgendwie auch beruhigte. Man soll Särge ehemaliger Geliebter nicht nachts heimlich, und nach vielen Jahren, in ihren Grüften öffnen und auf die Skelette starren. Das wäre unschön anzusehen. Reine, seelische Leichenschändung. Sinnlos.

Auf der oberen Etage herrschte weitläufige Einsamkeit. Ein junger Verkäufer strich gelangweilt umher und seine zum Hipster-Hosen-falten lange zu alt gewordene Vorgesetzte, erzählte ihm aus ihrem einstmals jugendlichen Vorleben. Ihr Körper schien der Zeit zu trotzen, doch ihr Gesicht log einfach nicht. Mit geringem Interesse musterte ich die Ware, eigentlich nur noch auf der Suche nach meinem Verstand, dem umherspringenden Köter. Wo hatte er sich versteckt? Ich wollte diese Kathedrale von längst vergessener Vergangenheit möglichst rasch wieder verlassen.

Du kannst mich auch dabei an den Haaren ziehen, hörst du? Von hinten, mit beiden Händen. Sie sind lang genug. Du weißt schon, fest meinen Kopf nach hinten ziehen, um unser Gespann zu steuern. Aber nicht zu feste. Immer gerade so, das ich nicht weinen muss!“

Sie hatte mich nicht angeschaut, während sie das sagte, sondern weiter Hosen in Regale geräumt.

Du kannst mir auch in den Nacken beißen, so richtig! Und wenn es dir gefällt, scheuere mir ruhig eine dabei! Ins Gesicht, mitten rein!“

Ich errötete innerlich. Sie hatte das bestimmt nicht so gesagt. Das konnte einfach nicht sein.

Geh nicht weg! Was soll ich denn noch alles für dich tun? Soll ich dich vielleicht anspucken? Oder beleidige mich! Beschimpfe mich! Am besten gleich hier. Öffentlich. Sag allen, das ich eine verdammte Hure bin, ich will, dass du das sofort sagst, bitte!“

Ihr Wortschwall entfernte sich mit jedem der schnellen Schritte, die meinem Fluchtinstinkt vorauseilend gehorsam zu Diensten waren. Der Verkäufer in der Ecke des Ladens weinte leise: „Mama, Mama hör doch auf! Ich bitte dich, hör einfach nur damit auf!“

Rasch hatte ich den Ausgang erreicht, als wieder die bescheuerte Sicherheitsanlage aufschrillte.

Ja, ja, geh einfach weiter, habs eben schon gehört, dass es bei dir piept“, sagte die Kassiererin im Erdgeschoss freundlich und lächelte mir hinterher.

Kaffee, ich würde jetzt dringend einen Kaffee brauchen. Das wurde hier doch ein wenig anstrengend und intim. Mein Gang folgte einem Automatismus, der mich einige Straßen weiter in eines dieser alten, klassischen Cafés im Umfeld der Kunstakademie führte. Ich fand mich an einem Tisch sitzend wieder, vor mir ein Milchkaffee und zu meinen Füßen mein hündisches Hirn. Die studentische Kellnerin, der man ihre vormalige Existenz als gute und aufmerksame Schülerin noch immer ansah, brachte mir sofort die Rechnung. Anscheinend hatte ich dort schon geraume Zeit verbracht. Einzig: Ich erinnerte mich nicht mehr daran.

Das macht dann sieben Euro, bitte! Sagen Sie mal, stimmt das, was mein Kollege dort drüben behauptet? Sie haben vor vielen Jahren aus zwei Metern Entfernung an die Wand unserer alten Toilettenkabine ejakuliert? Ist das wirklich wahr?“

Der angesprochene ältere Kellner kam sofort hinzu und sagte:

Ich mag ihn nicht. Habe ihn nie gemocht. Habe dafür auch meine guten Gründe! Das ist kein Mensch. Er ist viel mehr ein Scheusal!“

Rasch warf ich ein paar Münzen auf den Tisch und stürmte wortlos aus dem Lokal. Mein Gehirn sprang um mich herum, lachend und aufgedreht, irre Kapriolen schlagend.

Warum hatte ich auch darüber nachgedacht? Warum hatte ich auch gefragt, wie das wohl ist, wenn man verrückt wird? Diese verfluchte Neugier. Fast begann ich zu rennen, wie ein verlorenes Mordopfer meiner selbst und fand mich in diesem einen bestimmten Parkhaus wieder. Der Betonhäutige Zeuge meiner vieler Nachtleben Ausfälle. Lange her.

Ich steckte mit frostig-steifen Fingern einige Münzen nervös in den Parkautomaten. Mein Hirn flitze derweil wie toll und übermütig durch das Parkdeck. Hechelnd zwischen den schlafenden Autos umher.

Der Apparat spuckte nach einigem Rattern mein Parkticket wieder aus und sagte blechern, aber sehr deutlich:

Das wird dir hoffentlich eine Lehre sein, du verdammter Trasher! Es gibt Fragen, die niemals gestellt werden sollten und Gedanken, denen man besser nicht nachgeht. Und jetzt nimm dein verficktes Gehirn wieder an die Leine und verpiss dich! Niemand will von dir hervorgekramt werden. Lass die Toten, wo sie sind! Los, kommt …scheißt ihn endlich voll!“

Zu meinem großen Entsetzen hörte ich den Flügelschlag unzähliger Möwen im Parkdecken flattern und stieß zwischen meinen Fingern sofort einen langen Pfiff aus:

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Bei Fuß!“

LIEBE

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Ich will nichts davon hören! Behaltet sie, eure ekelhafte Liebe aus dem Kaufmannsladen für verzogene Kleinkinder. Das, was ihr für Liebe haltet. Oder was ihr uns penetrant dafür halten lassen wollt. Eure unwichtigen und vorhersehbaren zwischenmenschlichen Irrtümer. Ich mag sie nicht, sie sind im besten Fall langweilig, meist aber vor allem inflationär, ganz flache Gefühlsreliefs, unschön, unangenehm und entlarvend. Ein seelischer Nacktbadestrand, voller emotional entstellter Zombies, mit billigen Gummifratzen von der Konfektionsstange. Die älteste Geisterbahn der Welt. Im Namen des heiligsten, was dem emotionalen Reichtum einer menschlichen Existenz angeblich zu Teil werden kann. Das Höchste der Gefühle! Die Quintessenz jeglichen tieferen Sinns. Der Andere, der nur für Einen selbst geschaffen wurde, geschmiedet in unterirdischen Liebeskammern, passgenau, perfekt ineinander greifend. Der richtige Schwanz in der richtigen Fotze. Das Vakuum schließt sich mit einem satten Geräusch von Vaginalsekreten. Denn davon geht der Scheiß ja aus.

Frauen glauben tief und fest an die Erfüllung dieses Pferdemädchenromans. Und wehe, es wird auch nur einen Millimeter von der Handlungsanweisung abgewichen. Gepriesen wurde das dereinst ausgerechnet von Kerlen. Minnesängern. Abgekupfert von noch älteren, obskuren Revue-Nummern irgendwo aus dem Orient, wo man das systematische Verarschen und Anlügen von Weibern, ja schon früh perfektioniert hat. Im Gewand einer so schwül Sperma-tropfigen Poesie, die jeder Frau angeblich die Sterne vom Himmel holt und schließlich im innigen Tanz zweier menschlicher Universen endet. Eine gigantische Implosion im lüstern strömenden Regen natürlich. Sowas ist in Bollywood-Filmen noch heute eine übliche Metapher, sagen wir lieber ein Code, fürs ficken. Reinstecken. Da spricht man nur sehr ungerne über solche Dinge, sondern rollt lieber einige Meter Darm hinter einem Bus, aus dem Körper unwilliger Mädchen auf die staubige Straße. Oder hängt sie nach der Massenvergewaltigung gleich am nächsten Mangobaum auf. Im schwülen und Malvefarbenen, ungemein knospigen Morgenlicht. Denn so viel Poesie muß gemeinhin schon sein!“

Schmidt war heute ungewöhnlich in Fahrt. Was war nur los mit ihm? Soweit ich wusste, hatte er auch derzeit eine Freundin, unterfickt konnte er nicht sein. Ich hörte ihn ja oft im Nebenzimmer unserer gemeinsamen Wohnung seine Gefährtin eindringlich wie eine Stalinorgel bespielen. Die Bude war eben sehr hellhörig. Er war doch sonst kein Frauenhasser. Es musste also etwas anderes sein. Große Töne, programmatische Reden und ungebetene Welterklärungsversuche hatte ich von ihm nie vernommen. Schmidt war eher ruhig, trocken, wenige Worte, die aber wie Präzisionsraketen, Laser gesteuert, tödlich auf den Punkt. Bumm. Und jetzt dieser Splitterbombenteppich.

Ich bin noch lange nicht fertig, das Beste kommt ja noch: Nun gurgelten im Zuge der Klassik, Sturm und Drang, Werther und Konsorten, Du weißt schon was ich meine, einige junge Hitzköpfe Versatzstücke aus dieser Poesie wieder laut und vernehmlich hoch. Dabei war das für gelangweilte (und bisweilen schon als Kinder zwangsverheiratete) adlige Fräuleins des Mittelalters zusammen geschmiert worden und wurde meistens vorgesungen, denn die konnten ja oft selbst nicht lesen, diese durchlauchten Mädels. Vierhundert Jahre später wird das zum Ideal des Biedermeier für bürgerliche Frauen, die vor allem einem Versorgungspatriarchat verpflichtet sind. Stadtwohnung mit Personal, zwei Kinder, abends soll der Ehemann aus der Amtsstube oder dem Kontor kommen und virtuell die Ritterrüstung überstreifen. Er schmiedet Verse für die Ewigkeit, einzig für sie, die Prinzessin ohne Schloss. So stellt sie sich das vor, weil sie es in diesen Romanen gelesen hat. Denn mittlerweile können ja viele lesen (ein Unglück, wenn Du mich fragst, aber das nur nebenher).Mit einem Vater, der nie ein Königreich besaß, auch natürlich nie König war, sondern vielleicht Bäcker. Oder Hörgeräte Akustiker. Aber sie bleibt eine Prinzessin. Komme was da wolle. Auch heute hat eine Prinzessin immer noch ein Anrecht auf eine Traumhochzeit, mit Erziehungszeiten, Fortbildungsförderung, Selbstoptimierungsfantasien auf Terracottafliesen, Gleichberechtigung, dazu ironische Prosecco-Rülpser beim Mädelsabend, während man Shoppingsender im Hintergrund auslacht. Haufenweise Königskinder im Niedrigenergie-Reihenhaus. Für immer und ewig, wie weiland bei den Gebrüder Grimm. Ihr habt sie doch nicht mehr alle!

Warum tragt ihr einfach diesen literarischen Kunstgriff, diese uralte Jahrmarktsfiktion, wie ein heiliges Gesetz vor euch her? Immer nur in einem neuen Gewand verkleidet? Ist es nicht mal Zeit für Bewegung? Fortgang der Geschichte? Da könnt ihr ja gleich auch die Scheidung einreichen, weil sich der Kerl nach drei Jahren Ehe doch nicht als lustiger Außerirdischer mit eigener Untertasse entpuppt hat, wie von Kindesbeinen an gewünscht, weil ihr immer gerne Star Wars gesehen habt? Ist das Euer Ernst? Deshalb fahrt ihr am Wochenende schlecht gelaunt mit Fahrradhelmen über Feldwege im Münsterland, um gemeinsam eine Vollkasko vericherte Zeit nur nicht alleine verbringen zu müssen? Ist das alles? Und dafür nehmt ihr dann Tabletten oder hängt euch in der Garage auf, wenn der Scheiß doch nicht gut geht, kein Romeo, keine Julia, kein verfickter Shakespeare? Höchstens ein geleaster Alfa?“

Meine Ohren pulsierten innerlich rotglühend, ob dieser Wortkaskaden der Liebesverachtung.

Sag mal Schmidt, was ist denn los? Warum dieser Text jetzt und das ausgerechnet mir? Liebe, Biedermeier, Königskinder, Minnegesang, Fahrradhelme, was geht ab bei dir? Hast du Ärger mit deiner Ollen?“

Schmidt war ganz ruhig, sein Blick wanderte vom Boden langsam über meinen Körper mitten in meine Visage.

Och, nichts weiter. Ich musste nur eben beim Arzt ziemlich lange warten und du weißt, wie ich es hasse, Zeit einfach so verstreichen zu sehen und nichts machen zu können. Sie weder anhalten zu können, noch vor- oder zurückzudrehen. Weil sie mich nicht ranlässt, wie so eine staubige Altjungfer, diese verdammte Zeit.

Ach, auch egal…jedenfalls saß ich da ewig rum und hab in so einer Frauenzeitschrift herum geblättert. Weißt schon, die mit positiven Selbstbefreiungs- und Verschönerungstipps. Heute mit einer bunten Hochzeitsbeilage, weil ja wieder Heiratssaison ist. Da prallen dann mehrere Jahrhunderte auf wenigen Seiten aufeinander und die finden das auch noch völlig in Ordnung. Ich weiß nicht, aber mir schmoren dabei immer irgendwie die Synapsen durch, oben im Vorderhirn. Das ist wie so ein Kurzschluss, wegen der ganzen psychologischen Logiksprünge in den Heften. Und du bist halt einfach der Erste, den ich seitdem gesehen und gesprochen habe!“

Er zuckte schlaff mit den Achseln. Dann senkte er den Kopf, trat einen Schritt vor und hielt mir seine Schädeldecke dicht vors Gesicht.

Willste mal schnuppern? Du kannst es bestimmt auch riechen, ganz verschmort, metallisch, wie so ne alte Carrerabahn! Das kannste echt nicht lesen, ohne völlig verrückt zu werden, diese komische Mittelalter Scheiße. Ist doch nur was für diese Wanderhuren!“

„Magst du die Liebe nicht?“, fragte ich Schmidt.

„Doch, klar! Warum sollte ich die nicht mögen? Ich mag meine. Oder auch deine, obwohl die ja sehr unstet ist. Oder einige andere. Aber nicht deren Liebe. Die ist falsch. Das ist nur emotionaler Quatsch!“

Struppi reist heute nicht ins All.

keiner-von-uns.jpgEr würde es nicht zu Papier bringen und auch keinem erzählen. Nicht einmal in betrunkenem Zustand, so wie er jetzt vor ihm stand. Es sei denn jemand könnte seine Gedanken lesen. Der Trasher lachte nur, sah ihn an und begann einen Vortrag zu halten:

 

 

Ich denke es war ungefähr so..unterbrich mich einfach, wenn ich falsch liegen sollte, ja?“

Erschrocken sah ihm der andere ins Gesicht.

Wie fange ich nur an? Ich würde sagen du würdest es in deiner holprigen Schulaufsatz-Diktion ungefähr so formulieren:

Während ich mit offenem Schädel durch die Stadt lief, ergossen sich die kranken Gedanken der anderen Passanten in meinen kleinen Neuronen-Eintopf. Die Sonne verrührte diesen kruden Teig prächtig, ließ ihn gären und machte meinen Gang schwankend. Eine Parkbank sollte die Rettung sein. Zwei Junkies setzten sich neben mich und brüllten von schräg oben in meinen schutzlosen Kopf. Von unehelichen Kindern war die Rede, Mietrückständen, Schlägen und Tritten in schwangere Bäuche, vier Kinder, fünf Väter, einfach immer rein gespritzt. Ein stattlicher Berliner Rentner namens Karl humpelte vorbei. Mindestens achtundsiebzig Jahre alt war der Mann und führte dennoch eine schwarze Big Mama mit riesigem Hinterteil stolz an seiner Hand. Dabei hustete er ekelhaft lüstern die Asche von einem in seinem Mund kreisenden Zigarrenstumpen.

Inzwischen setzte sich eine Wespe wirr summend auf mein suppiges Hirn und begann vorsichtig zu fressen. Ach, das tat sehr gut! Ich lehnte mich wohlig schaudernd zurück und betrachtete sehr ruhig, wie die Drogisten allmählich immer durchsichtiger wurden, bevor sie sich endgültig einfach in Luft auflösten.

Die Stille des Parks schwappte wieder zurück über alle Wiesen und Wege. Zum ersten Mal an diesem Tag konnte ich wirklich entspannen. Die Junkies hatten offensichtlich ein Päckchen Stoff auf der Bank liegen lassen. Ein Versehen? Absicht? Egal. Ich streute das Pulver ohne Angst kurzerhand in meinen offenen Schädel. Die Wespe kicherte fröhlich und ließ ihre bestäubten Flügel vibrieren. Ein schönes Gefühl. Sofort setzte die Wirkung ein, bei mir – und bei der Wespe.

Schrecklich! Auf der Stelle trat in meinem offenen Schädel Normalität ein! Schlimmer noch: Vernunft und vorausschauendes, sogar verantwortungsvolles Planen war urplötzlich meinen Gedanken zu Eigen. Welch seltsames Pulver.

Ein kratzender Schmerz breitete sich aus. Ich fühlte, wie mein offener Schädel erneut zuzuwachsen begann. Wie könnte man das nur aufhalten? Das hatte ich so nicht gewollt. Vor allem hatte ich Sorge bald ein vollwertiges und nützliches Mitglied der Gesellschaft zu werden. Das ließ mich panisch werden. Ich beschloss rasch in einen nahegelegenen Supermarkt zu rennen, um mir dort auf die Schnelle einen Dosenöffner zu besorgen. Noch auf dem Parkplatz wollte ich der schrecklichen Vernunftwerdung Einhalt gebieten.

Als ich mit letzter Kraft und von rasendem Schädeldruck gepeinigt aufstehen wollte, fiel ich fast um. Meine Füße waren verschwunden und aus den Hosenbeinen rieselte rötlicher Torf. Unmengen sogar, diese Muttererde bildete schon zwei veritable kleine Hügel vor der Parkbank. Was um Himmels Willen konnte ich jetzt noch tun? Bald würde es sicher zu spät sein!

Gehetzt und entsetzt, träumte ich einfach eilig einen Dosenöffner herbei. Ein paar flinke Drehungen und meine Schädeldecke klappte nach oben, wie eine scharfkantige Weißblechscheibe. Aber der weiter aus meinem Körper rieselnde Torf war unerbittlich und offensichtlich von Schlafkeimen befallen. Ich drohte einer allumfassenden Lähmung anheim zu fallen. War auch der Kopf offen, der Geist scheinbar frei, es half alles nichts, denn dieser schwere Bluttorf zementierte meinen Leib fest in die örtliche Gegebenheit hinein. Kein Entkommen. Mit letzter Kraft schrie ich um Hilfe, krächzte und kreischte.

Eine Gazellen-beinige Dame näherte sich rasch mit feuchten Schritten. Sie schmatzte, zischte und bot mir vor allem mit ausgestreckten Armen ihre überwältigende Hilfe an. Dankbar streckte ich meine rudernden Hände zu ihr empor. Ihre Beine wuchsen unaufhörlich, sie wurde sekündlich immer größer und maß nun schon fast zwei Meter und Fünfzig. Irritiert aber lüstern, blickte ich unter den hoch über meinem Konservendosenkopf endenden Rocksaum. Starrte unhöflich direkt zwischen ihre Beine. Sie schien keine Unterwäsche zu tragen, das ließ mich sofort meine missliche Lage vergessen. Paralysiert saugte sich mein Blick an ihrem Schoß fest.

Da sie immer weiter wuchs, hoffte ich das bald ein Lichtstrahl erhellen würde, was mein schaumiges Hirn begehrte. Hager, zackig und seltsam abgeknickt waren sie, ihre ständig wachsenden Arme. Mit langen, Zangen ähnlichen Werkzeugen anstelle ihrer Hände. Das Zischen und Rascheln der seltsamen Frau, konnte meinen Blick kaum ablenken, gleich würde die gierige Lichtkante an ihren Schenkeln sachte Empor wandern und dieses entscheidende Geheimnis preisgeben. Ich benetzte leckend meine trockenen Lippen, meine blechig herunterhängende Schädeldecke zitterte metallisch vor sich hin. Da! Ich konnte ihn sehen, ihren köstlichen Schoß! Euphorisch zappelte mein Rumpf auf den beiden Torfhaufen. Ich riss meine Augen weit auf und sah wie ihre Scham sich sachte öffnete. Ein merkwürdig glänzender, äußerst haarloser Schädel wand sich immer weiter aus ihr heraus, während sie immer noch wuchs.

Mittlerweile war ihr Schmatzen einem kreischenden Zirpen gewichen, das stets lauter wurde. Doch das beschäftigte mich, den Torfmann, immer weniger. Das Methylphenidat Pulver in meinem Hirn tat seine sklavische Wirkung. Ich war nur noch ein Rumpf mit einem weit aufgeklappten Schädel. Meine Arme waren derweil wie vertrocknete Äste im Sturmwind abgebrochen. Aus deren Stümpfen quoll ebenfalls Torf.

Die Schamlippen der inzwischen vier Meter großen Gazellen-Dame klafften weit auseinander. Der haarlose Schädel war mittlerweile zur Gänze herausgepresst, aber nur rückwärtig zu sehen, meinem Speicheltropfigen Blick entzogen. Welch ein Geschöpf versperrte nur den Anblick? Das Zirpen wurde unerträglich laut, klang fast elektrisch. Schreckerfüllt blickte ich schnell hoch zu den Meterlangen Zangen der Frau, die weit ausholende Bewegungen in der Luft vollführten. Der Kopf in ihrem Unterleib drehte sich blitzschnell herum und kreischte lachend in meine Richtung.

Entsetzlich! Es war die feucht-schrumpelige Fratze eines neugeborenen, über neunzig jährigen Mannes. Ein Greis, der ich selbst vielleicht einmal hätte werden sollen. Wenn nicht andauernd etwas dazwischen käme. Wulstige Brandnarben und entzündete Augen verhöhnten meinen erschrockenen Blick. So sagt man zumindest.

Struppi reist heute nicht ins All!“, kreischte der grauenhafte Opa.

Ein scharfer Ton durchschnitt elegant die Luft und schon fiel mein erstaunter Kopf. 

Die Gazellen-Frau hatte mich kurzerhand geköpft! Schon hielt sie mein Haupt triumphierend an ihren blutigen Handscheren in die Höhe, zischte schrill, betrachtete mich euphorisch von allen Seiten und führte mich schließlich vorsichtig in ihren Schoß. Eine durchaus seltsame Perspektive war das für mich. Der grausige Großvaterschädel begann mich sofort mit zahnlosem Maul zu zerfressen und schlang mich in Windeseile schlürfend in sich hinein. Was dann geschah, kann ich nur vermuten. Man sagt, das die Frau sich sehr vorsichtig und diskret umschaute, ihren Rock glatt strich und sich ebenso rasch wieder verzwergte, wie sie zuvor gewachsen war. Die greise Fratze zog sich wohl kichernd in ihren Unterleib zurück. Die Torfreste verteilte sie sicher hastig mit hufigen Füßen auf dem Boden vor der Parkbank. Ich denke mal das sie dann ziemlich aufrecht und stolzen Schrittes davon stolzierte.

Soweit alles richtig?“

Er schreckte hoch. Sein Mobiltelefon piepste und erinnerte ihn daran, dass es an der Zeit war, seine Tochter vom Kindergarten abzuholen. Wenn er doch nicht immer so müde wäre! Lethargisch erhob er sich, sachte den Kopf schüttelnd, von der im kühlen Schatten stehenden Parkbank. Er wunderte sich ein wenig über die Torfklumpen auf seinen Schuhen, nahm sich dann aber fest vor, bald mal mit der Mutter des Kindes ernsthaft über das Sorgerecht zu sprechen. Er sah die Kleine viel zu selten. Ein seltsamer Park war das hier. Ein seltsames Leben lebte er. Aber das würde er niemandem verraten. Nicht einmal dem Trasher, mit seinem Gedankenleser-Spleen. Für kein Bier der Welt. Der würde es wieder nur aufschreiben und Unwürdigen zu lesen geben. Ausgeschlossen.

DAS IST JETZT FÜR IMMER!

Diese erstarrten Rauhreiftropfen auf seinen erstaunten Wimpern, das Bild gefiel mehr sehr. Ganz kristallin war sein Blick geworden. So hatte er mich sonst nur selten angesehen. Es war wie bei einem dieser alten Gemälde, die den Betrachter aus jeder Perspektive regelrecht anstarren. Ruhig war er geworden. Ich würde ihm jetzt alles ohne Hast erzählen können, vielleicht würde er es verstehen. Hatte ich eine andere Wahl gehabt? Er lag immer noch so seltsam verdreht da. Und trug diese scheußliche Hose, die ich an ihm so gehasst hatte. Es würde bald Frühling werden, auch hier am Fluss. Die schöne Zeit, sie taute immens schnell dahin. Alles zerfloss. Vor allem er selbst.

Wie hatte es nur so weit kommen können?

Im Grunde war es ganz einfach: Es gab eben die Gelegenheit dazu, ohne Hast und Geschrei. Er hatte mich nach unserer Nacht in all den schäbigen Clubs hier hergezogen. Wahrscheinlich hatte er wieder einen dieser sentimentalen Schübe. Im Sommer waren wir schon am dicht bewachsenen Ufer entlang gelaufen und er hat mich dort hinten gefickt. Bei diesem traurig etwas in den Fluss hineinragenden Baum.

Sicher wollte er dem im Winter angestauten Hass ein Opfer bringen. Meine Brüste hatte er schon durch meinen Mantel berührt und war wieder in einem seiner Zustände. Nichts gefährliches, nein. Er würde mir nie etwas antun, das war nicht seins. Außer dieses eine Mal, vor Wochen, als ich in seiner Armbeuge lag und fast eingeschlafen war. Da beschlich mich ein Gefühl. So eine Ahnung, so als ob er in diesem Moment darüber nachdächte, mich einfach zu erwürgen. Sein Atem ging ruhig, sein Arm bewegte sich nicht, er lag nackt und entspannt neben mir. Mit geschlossenen Augen. Und doch war ich mir unsicher. Er hat nichts getan. Trotzdem.

 Es war ihm erneut gelungen, sich über den ganzen Abend, inmitten der Menschenmengen die uns über Stunden umspült hatten, völlig mit Ekel vollzusaugen. Er ließ in seiner Gier auch nicht wirklich nach. Von einem Laden drängte er uns in den nächsten, quer durch die Stadt. Als wolle er auf die Schnelle und möglichst flächendeckend herausfinden, ob sein Hass auch wirklich echt und aufrichtig sei.

In all den letzten frostigen Wochen hier draußen, waren seine Lippen weiter so prall und Blaubeerfarben geblieben, wie ich es immer an ihm mochte. Fast feminin und sinnlich, mit einem Unterton ins Kindliche. Wie ein achtjähriger Junge, der zum Verdruss seiner Mutter zu lange im kalten Meer gebadet hat. Der Trasher war ein seltsamer Mensch, das stimmt. Aber ich habe ihn sehr gemocht. Wenn ich ihn denn zu fassen bekam. Auf Liebe angesprochen, hätte er verärgert versucht, mir andere Kerle einzureden. Er entzog sich gerne. Wahrscheinlich vor allem sich selbst. Ich glaube, es war ihm schon zu viel, die 24 Stunden am Tag ständig mit sich verbringen zu müssen. Er sagte selbst einmal, dass es enttäuschend sei, morgens aufzustehen und im Badezimmerspiegel immer wieder dieses gleiche Gesicht zu sehen. Wie einfallslos von der Natur, aber es würde sich wohl nicht ändern lassen.

Das Wasser des Flusses war jetzt eisfrei, am besten würde es sein, ihn irgendwie die Böschung herunter zu rollen. Ich wischte die mittlerweile aufgetauten, brauen Blätter von seiner Kleidung, er sollte einen ordentlichen Eindruck machen. Weich war er geworden, das war mir gar nicht recht. Ich hatte ihn immer so fest und prall in Erinnerung.

Er ließ sich erstaunlich leicht über den seifigen Morastboden ziehen. Es hätte ihm sicher sehr gefallen, dass wenigstens ein Mensch über diese Angelegenheit an seiner Stelle versucht, einige Worte zu finden. Ganz nüchtern und unliterarisch. „So ein Tod ist keine große Sache, nicht einmal meiner!“ Das wäre sein Stil gewesen. Ich versuche es ein wenig zu imitieren. Wie in einem der Texte, die er für Paulmann verfasste. Ja, er schrieb tatsächlich in letzter Zeit nur für diesen einen Typen, einiges davon hat er mir ab und an vorgelesen. Er dachte nie daran, es je zu veröffentlichen. Nein. Er lehnte es strikt ab, Schriftsteller zu sein. Wirklich verstanden hat das niemand. Paulmann würde sicherlich demnächst nach ihm suchen. Der würde großen Ärger machen. Ich hatte ihn ja im Verdacht, etwas mit den Trasher-Texten zu machen, sich mit falschen Federn zu schmücken, wie so ein über dem Trasher kreisender, mieser kleiner Wortgeier. Kennengelernt habe ich ihn nie. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob er etwas von meiner Existenz erfahren hat. Wer wusste schon groß von mir? Der Trasher hatte mich nie wirklich vorgestellt. Er erzählte mir zwar alles aus seinem Leben, man musste nur fragen. Er kannte auch die meisten meiner Freunde und sie ihn. Aber er trennte sehr strikt. Familie interessierte ihn nicht besonders. Er war auch der Meinung, dass es die Jungs, die er zum Bier trinken traf, nicht viel anginge, mit wem er seine Nächte verbrachte. Liefen wir auf der Straße mal einem Freund oder Bekannten über den Weg, war ihm das nicht peinlich, er agiert ganz normal und freundlich. Es wäre ihm aber nie in den Sinn gekommen, all seine Leben miteinander zu verknüpfen. Die Fäden seiner Leben gehörten für ihn nicht unbedingt zusammen.

Mittlerweile war er die Böschung herunter gerollt und am Ufer liegen geblieben. Ich rutschte hinterher, packte mir seine Beine und wuchtete ihn mühsam in die Position, die mir am würdevollsten erschien. Noch war er hier und damit ganz bei mir.

Wahrscheinlich war es mir darum gegangen. Diesen seltenen Moment festzuhalten, alles einfach länger für mich auskosten zu können. Eine kleine Ewigkeit zu erschaffen, in der sich niemand wegbewegen konnte. Das war immer das Problem mit ihm. In seiner Nähe fühlte man sich gut, durchaus auch geborgen. Alles erklärte sich, quälende Fragen wurden albern. Doch in seinen zahlreichen Abwesenheiten war es schlimm. Ich wurde unsicher, verstand seine Nachrichten nicht, dachte natürlich an eine andere Frau. Das ewige Spiel zwischen den Geschlechtern sehr extrem auf den Punkt gebracht. So war es mit ihm. Eigentlich fand ich das furchtbar abgeschmackt und ärgerte mich. Dieses Arschloch! Brachte mich soweit, dass ich mir so klein und billig erschien, in meiner Eifersucht. So ein hilfloses Weibchen eben. Aber hatte man bei ihm eine Wahl?

 Jetzt fühlte ich mich wieder richtig gut. Auch wenn er ja bald fort wäre, für immer. Aber so war es richtig. Er wäre nicht mehr bei mir, aber auch nirgendwo anders. Nicht einmal in seinen Texten könnte man ihn noch finden. Einfach verschwunden, aufgelöst. Mehr man nicht erreichen, denn das war das Optimum an Zuwendung.

Ich schob ihn langsam, den Kopf voran, ins Wasser. Er trieb ein kleines Stück in den Fluss hinein, bevor er sich langsam senkte. Die leichte Strömung drehte ihn ein und trug ihn fast zögernd mit sich. Ich stand lange da und schaute ihm nach. Allmählich verschwand sein großes Augenpaar, das mich bis zuletzt angestarrt hatte, in den grau-spiraligen Fluten. Irgendwann wurde er unsichtbar.

 2012-01-29 14.00.01Ich hatte mir das zumindest einhundert Mal in genau dieser Art vorgestellt. Immer wenn er nicht bei mir war. Wenn er eines seiner anderen Leben lebte. Eines Tages würde es so geschehen. Ganz bestimmt. Und wenn es mir nicht gelänge, dann fände sich schon jemand mutigeres, voller Zorn und Liebe. Um den Moment für immer festzuhalten. Für mich und all die anderen. Mir war jetzt kalt. Zeit zu gehen.

 

REGENFRESSER

Nach oben schaute es, das knorpelige Wesen. Öffnete seinen Mund soweit es ging, riss ihn gar auf. Wäre es eine Schlange gewesen, so hätte es vorübergehend den Kiefer ausgehebelt, um einen möglichst großen Einlass zu bieten. Der Regen prasselte nun seit neun Monaten auf es herab, unaufhörlich. Im trüben Halbdunkel hockend, dem Lichte in jeglicher Hinsicht Feind geworden, schien es der Kreatur wichtig zu sein, Unmengen des Regenwassers in seinen Körper hineinströmen zu lassen. Bald würde es womöglich vorbei sein, mit diesem liebgewonnenen Unwetter. Sonnenschein war angedroht, Wärme, Licht, sogar von behaglicher Trockenheit war die Rede. Wie schrecklich!

 

Es würde wohl wieder ihr Geld aufessen müssen, mit dem sie den Sonnenschein zu bezahlen pflegten, wenn sie genug davon gewonnen hatten, in den unterirdischen Casinos, die niemand betreten durfte, der nicht den bösen Eid auf das letzte Regelwerk des Daseins leisten wollte. Die Kreatur kümmerte das nicht, denn sie verachtete die Menschen des Dorfes. Sie war eigentlich nur auf die Vernichtung ihrer heimlich erworbenen Geldbestände aus. Damit die Sonnenscheinlieferanten den Menschen ihren Kredit entzogen und wieder Kälte und Finsternis das Regiment führen konnten, wie seit Äonen befohlen. 

 

Der Regen fiel weiter hinab auf das Lebewesen. Langsam. Immer langsamer. Er schien fast zu stoppen. Auch in der Luft verharrten die einzelnen Tropfen nun entsetzlich lange. Es dauerte mitunter Stunden, bis sie auf der schuppigen Haut dieses „Es“ zerplatzen durften. Das Tier starrte jeden einzelnen Wassersplitter des Himmels ausgiebig an. Fast wie unter dem Mikroskop. Wendete es, sorgfältig begutachtend.  Wissenschaftlich präzise. Die Temperatur begann zu sinken, als wenn die Heizung der Welt ausgefallen sei. Kontinuierlich verpuffte die Restwärme des Planeten. Entschwand. Wohin, weiß niemand. Sachte kristallisierten die ersten Tropfen während ihres Falls. Wie eine in Zeitlupe zerberstende Windschutzscheibe.

 

Seit Wochen hörte man furchtbare Botschaften in der Gegend, es wurde vom Ende des Regens geredet und von neuen Verträgen mit der solaren Gewalt. Vor neun Monaten war den Dorfleuten unten im Tal das Geld für die Sonne ausgegangen. Die Kreatur hatte in den einstmals lauen Nächten unerkannt daran gefressen, bis kaum noch etwas in den Speichern war. Und dann kam diese unglückselige Pechsträhne dazu, die Casinowächter wurden unfreundlich und es war kein Handel mehr zu machen mit den Lieferanten des Lichts und der Wärme. So konnte der Eiswind wieder bittere Wolken über die traurigen Ebenen treiben, es regnete und regnete und wurde erneut so kalt, wie es die Kreatur gewohnt war.

Doch in dieser Zeit der Dunkelheit, hatte sich das Blatt an den unterirdischen Spieltischen abermals gewendet, es wurde wieder gewonnen, jeder Notgroschen gesetzt und bald schon begannen sich die Geldspeicher im verlorenen Weiler erneut zu füllen. Das ewige Unwetter animierte mehr und mehr Dorfleute, unter Tage das Glück zu suchen. So taten fast täglich neue Spieler den schlimmen Schwur, der zum Eintritt in die Hallen der Schwarzen Spieler berechtigte.

Dort herrschten eisige und strenge Regeln. Um Geld ging es nur den frierenden, ständig durchnässten, klammen Menschlein. Im Grunde war der Preis ein viel höherer, ungleich bedeutsamerer. Nein, weder ihre kümmerlichen kleinen Leben, noch die schwach glimmenden, winzigen Seelen waren der fürchterliche Tribut, so einfach kamen sie den wirklichen Spielern nicht davon. Der unbarmherzige Handel kannte nur ein Ziel: Ihre Freude! Man wollte sie ihrer Lebensfreude berauben. Fröhlichkeit, menschliches Glück, Liebe, sei es auch nur bescheidene Ausgeglichenheit, das sollte die harte Währung sein, die klingende Münze, die es zu erbeuten und möglichst für immer zu verschlingen galt. Es waren die grauenhaften Serotoninräuber und Dopamindiebe, die jenes sonderbare Spielerparadies, weit unter der Regen durchweichten Erdkruste, mit großer Grausamkeit betrieben.  

 

All das spielte sich tief unter den Klauen behafteten Füssen des Knorpelköpfigen Regenfresserwesens ab. Welche Rolle es in diesem von langer und höherer Hand geplanten Spiele spielte? Wer weiß das schon? Sicher ist nur, das es nichts Gutes zu bedeuten hatte. So fror das nasse Land langsam und beharrlich zu. Dunkelheit strömte ekelhaft leise, aber aufreizend unnachgiebig, durch alle Winkel und Ritzen. Die Kreatur begann unmerklich zu vibrieren. Der von Schildplatten besetzte Rücken schwang zunehmend in sehr spitzen, metallisch kreischenden Lauten. 

 

Die Dorfmenschen waren mit Eröffnung der unterirdischen Spielhöllen in einen wahrhaft teuflischen Kreislauf geraten: Sie gewannen viel Geld und verloren doch all ihre Freude und jegliche Zuversicht. Weil aber das Land seit langer Zeit im Sog der Stürme lag, die einst vom Planeten Eisenberg II hierher zur neuen Erde geflohen waren, und den Warzenfürsten als brausende Streitmacht dienten, mussten die Menschen in ständiger Düsternis und schneidender Kälte ihr kümmerliches Dasein fristen. Ohne die geringste Möglichkeit, ihre hormonellen Glücksspeicher jemals wieder auf natürliche Weise aufladen zu können.

So kauften sie sich die Wärmeperioden und auch den dazugehörigen Sonnenschein, bei den Gesandten des Warzenfürsten. Ging das Geld zur Neige, so kam auch die Dunkelheit zurück – und es musste wieder gespielt werden, tief unten in den Spektakelschächten der Schwarzen Spieler, über deren Herkunft niemand ein Wort verlor. Und sie alle ließen ihre Freude bei den finsteren Herren, all ihren Mut  – und manche wurden beim Spielen verrückt. Es waren immer die erfolgreichsten unter ihnen, die verrückt wurden. Die das meiste Geld gewannen, hatten auch den höchsten Preis zu zahlen.

Und doch wurden sie an der Oberfläche, wenn sie mit verwirrtem Geist und geschundener Seele, aber schwer beladen mit Geld, aus den Spielreaktoren zurückkehrten, von den übrigen Dorfmenschen als Heilige verehrt und gesalbt und gepflegt. Bis ihr Spielgewinn einfach zerronnen war. 

 

Das war natürlich alles vollkommen erlogen. Es gab keine Warzen-Fürsten, keine schwarzen Spieler und schon gar keinen Planeten Eisenberg II. Aber es hörte sich viel besser an, als die undenkbare Wirklichkeit und war den zurückgelassenen Dörflern ein steter Trost. Die Vorstellung, sich in den knotigen Klauen einer außerirdischen Macht zu befinden, half bei der Bewältigung des großen Unglücks, das seit einiger Zeit über sie gekommen war.

 

 

Der Dorfälteste hatte den seltsamen Schriftgelehrten mit der Erfindung einer Lüge, einer mystischen Sage beauftragt. Ihn, den kuriosen Meister des Grams, der sich nur sehr langsam und hölzern bewegte, den viele im Dorf fast für einen Idioten hielten. Doch mangelte es ihm von Kindesbeinen an weder an kurioser Phantasie, noch an sonderbarer Lektüre. Das, was es in den Tiefen zu verbergen galt, das was die Spieler dort unten wirklich zu tun bereit sein mussten, würde das Fassungsvermögen der anderen Menschen weit übersteigen. Sie durften es nie erfahren. Viel zu entsetzlich wäre es. Niemand würde mehr Wärme spüren, die Sonne sehen oder ein klein wenig Glück empfinden wollen, wenn er tatsächlich um die Umstände dieser ekelhaften Pein wüsste. Die Scham würde einen jeden dabei ersticken lassen. Auf der Stelle.

 

 

Der knorpelige Regenfresser wusste um die ganze Wahrheit. Hätte dieses Wesen lachen können, es hätte selbst den Regen und die Kälte verspottet. Doch es schwieg, starrte nach oben, dorthin, woher all dies tropfende Unbill zu kommen pflegte und dachte oft lange nach. Solange niemand sprach, würde man vorerst nichts genaues darüber erfahren. Niemand, auch du nicht! Und also wird weiterhin all dein Glück, seinen sehr hohen Preis haben. Jeden Morgen aufs Neue.

 

 

Ich hätte auch einfach nur schreiben können: Eure verfluchte Regenduldungsstarre, samt der fiesen Schlechtwettergesichter und den weit vorgeplanten Jahresurlaubshoffnungen, diese ganzen notdürftig zusammen geklaubten Brückentage ohne Hoffnung, mündend in Lotto- und Rentenerlösungsphantasien, sie widern mich an. Jetzt. In diesem Moment. Mehr noch als der eitrige Morgenurin eines Syphilitikers. Aber das wäre zu einfach gewesen.

 

Über das Schreiben, verdammte Scheiße!

Warum schreibt jemand ein Buch? Warum setzt er sich hin, blutet dürre Worte aus seinem kleinen kaputten Herzen und zwingt sie dann der vollkommen arglosen Welt auf?“ Das hatte der Trasher nie wirklich verstanden. Er schrieb zwar selbst, anscheinend auch regelmäßig und das seit vielen Jahren, aber nie hatte er daran gedacht, die Menschheit damit zu belästigen. Das hielt er für impertinent.

Laut war es in der Bar. In einer Kreuzberger Seitenstraße, wo in die Jahre gekommene alternative Lebensentwürfe, gerade ihren Kampf gegen Immobilienkohlebagger der Neuzeit verloren. Typisches Tagebau-Abrissdorf eben. Spätpubertäre Melancholie. Das alte Lied. Werden und Vergehen, samt Klageweiberei allenthalben. Dazu laute Punkmusik als Trauermarsch der letzten Monate, vor der finalen Sprengung.

Angetrunken atmete er mir die Gärungskohlensäure unzähliger Biere ins Gesicht:

Was bilden sich diese kleinen, fiesen Kreaturen ein? Ein jeder will gehört, bemerkt, ja vor allem geliebt werden! Wer soll das alles lesen? Und warum? Diesen ganzen ekelhaften, unwichtigen, schlecht in den Hinterhof gekotzten Wortdreck? Nur weil Papi keine Zeit für euch hatte? Oder eure erste Freundin euren viel zu kleinen Schwanz verlacht hat? Ist es psychologisch wirklich so einfach? Verdammte Scheiße!“

Er sah mich lange an. Es wirkte eher wie das Glotzen eines paralysierten Schafbocks, der das lange, scharfe Schlachtermesser in der Hand seines einst geliebten Schäfers entdeckt. Sein Mund blieb zwar leicht geöffnet, doch ansonsten regte er sich endlose Sekunden lang nicht. Ich hatte Angst, laut lachen zu müssen. Ob ihm gleich Speichelfäden unkontrolliert aus den Mundwinkeln rinnen würden? Jetzt schluckte er, schloss kurz die Augen, um sich dann unvermittelt zur Theke umzuwenden und wohl neuen Brennstoff für unsere Gehirne einzufordern.

Nein, er schrieb nur für sich und gefiel sich wirklich sehr darin, ein ultimatives Geheimgenie zu sein. Und mir gefiel es seine Texte zu benutzen, denn ich war letztlich auch nur eines dieser schrumpeligen Wesen, die Augenlos aus der dunklen Erde zum Lichte drängten. Warum gab er mir sie sonst zu lesen? Nur mir? Er musste doch ahnen, was er damit anrichten würde. Durch ihn flossen die Worte jetzt öffentlich aus mir heraus, unter meinem Namen! Sie spritzten fast hervor, als habe ein Schuss meine Halsarterie zerfetzt. Er gab mir von nun an eine Stimme und ich benutzte sie schamlos, die Stimme dieses seltsamen Trashers.

Wie er heute aussah, eher unangenehm. Ich hatte ihn vom letzten Treffen deutlich jünger in Erinnerung. Hager wirkte er, innerlich verbrannt, von irgend einem Dämon gejagt und zerfressen. Was ihn aber nicht wirklich müde erscheinen ließ, sondern eher entleert. Viel zu hochtourig gelaufen. Er schien unentwegt zu denken. Plötzlich drehte er sich blitzschnell zu mir zurück. Zwei Flaschen Bier in den Händen und eine Zornes-Fokussierung in seinen verengten Pupillen, die mir augenblicklich eine komplette Ampulle Adrenalin in die Adern drosch. Da war er wieder, wie ausgewechselt, in allerhöchster Anspannung. Als wenn er mir auf der Stelle den Kiefer brechen wollte. Oder einem riesigen prähistorischen Reptil gleich, seinem erspähten Opfer einfach den Kopf vom Rumpf abbeißen könne. Unberechenbar.

Er drückte mir eine der eiskalten Flaschen in die Hand und noch bevor ich meine Unsicherheit hätte überspielen können, stieß er schon mit mir an und trank los. Er zwang vielmehr die Flüssigkeit in seinen Hals. Es hatte den Anschein, als ob bei ihm das Bier viel schneller durch den Schlund und in seinen Bauch rinnen würde, als bei jedem anderen Menschen auf der Welt. Vielleicht umgab ihn auf seinen schnellen Zuruf, auch kurzfristig eine erhöhte Schwerkraft. Oder er sog es mit einem seltsamen Geheim-Mechanismus in sich hinein. Diese Flüssigkeit und er, gehörten irgendwie zusammen. Ein böser Zufall hatte sie dereinst unglücklich von einander getrennt und jetzt feierte man, über den Umweg einer Brauereiabfüllung, nach Jahren der sehnsüchtigen Irrfahrt, endlich ein gieriges Wiedersehen. Es war nicht wie bei einem Trinker, der ohne Branntwein nicht er selbst ist. Nein, es schien eher so, als wenn beide einander dringend bräuchten. Ich glaube sogar, das das Bier sich nur in ihm wirklich wohl und geborgen fühlen konnte.

Würdest du ein Buch schreiben wollen? Dich einreihen in die Phalanx der Schwätzer? Irgendein Zeugs in die Welt setzen, nur damit auf einem Buchdeckel dein Name steht?

Konrektor Paulmann und die goldgrünen Schlangen etwa?“

Dabei klopfte er mir sehr robust auf mein rechtes Schulterblatt, ich hustete, spürte den Schaum meine Speiseröhre emporsteigen. Wie das Quecksilber eines altmodischen Fieberthermometers, im Arsch eines hinfälligen, viel zu tropischen Malaria Patienten.

Warum sollte ich das tun? Worüber auch schreiben?“, log ich fast etwas zu hastig.

Ach komm schon!“, fuhr er mich an.

Das würde dir doch gefallen, oder? Du könntest debilen Blicks, nur in harniger Unterhose durch die Straßen torkeln und niemand würde daran Anstoß nehmen! Denn: Er ist ja Schriftsteller müssen sie wissen! Sicher recherchiert er gerade für sein neues Buch, man sollte den Meister nicht stören. Das hat bestimmt alles einen tieferen Sinn, von dem wir gewöhnlichen Sterblichen nichts verstehen können!

Dabei grinste er mich provozierend an. Es hätte mich nicht gewundert, wenn er gleich noch beide Hände auffordernd gehoben hätte. Wie ein Fußballhooligan auf Speed, der sich als Provokateur vor einer Horde Gegner aufbaut und Schläge einfordert. Hasserfüllte Unsterblichkeit.

Junge, vergiss es! Du bist nicht einfältig und ignorant genug. So einer wie du, könnte sich doch nie entscheiden. Vielleicht dieses Thema, vielleicht jenes. Ist es auch gut genug für die Welt? Oder sollte ich doch lieber Jahre lang warten? Auf den heiligen Blitzschlag der Genialität, am besten in Sturm umtoster Elfenbein-Nacht, verzagt und zitternd?“ Er kicherte fast ein wenig.

Menschen schreiben Bücher im Grunde aus ganz niederen Beweggründen. Das ist juristisch fast Mord. Vorsatz, Heimtücke und Ignoranz. Geld. Billige Fickgelegenheiten. Aufmerksamkeit. Habt mich bitte lieb! Hasst mich, ich bin toll! Also ein klassisches Kapitalverbrechen. Und du bist doch kein wirklicher Mörder, oder? Nein. Vielleicht ein kleiner Dieb. Ja, das könntest du sein…“

(Auszug aus dem Buch)