Kurzroman 52: „Alles was bleibt, ist der Hunger…“

Im fahlen Licht meines schäbigen Küchenfensters spülte ich gedankenverloren Geschirr, als aus dem sonst totenstillen Innenhof des Hauses ein ungewöhnlich lautes Gespräch zu mir empordrang. „Bitte, bitte gib mir doch Essen, ich habe Hunger! Wirklich großen Hunger!“ Eine mir irgendwie seltsam vertraute, aber doch auch sehr befremdliche Stimme, krächzte verzweifelt und flehend auf jemanden ein. „Verschwinde, du bekommst nichts mehr von uns, du wohnst hier nicht mehr! Wir kriegen noch einen Haufen Geld von dir!“, so antwortete eine andere Männerstimme erbost. Es klang seltsam. Als wenn der heute jugendliche Sohn meines Vermieters, mit dessen heute schon alter Stimme spräche. Irgendetwas passte nicht zusammen. „Aber..aber…hab doch Mitleid, ich habe seit Tagen nichts mehr gegessen, um der alten Zeiten willen, bitteee! Ich brauche Esseeeen!“ Die flehende Stimme brüllte und krächzte zugleich, zitterte kaputt, versoffen, brüchig und sehr alt. Woher kannte ich diesen Mann? Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und versuchte durch die Glaslamellen meines Fensters in den Hof zu spähen. Doch außer zweier schemenhafter Schatten konnte ich nichts erkennen. „Los, ich bitte dich, verschwinde jetzt, du hast allen schon genug Unglück gebracht, niemand will dich hier mehr sehen!“
„Aber, aber…ich muss essen!“, brüllte der offenkundig gestörte alte Mann im Hof. Einige weitere Wortfetzen voller vergeblicher Lebensqual hallten noch aus dem Hauseingang empor. Dann fiel die Haustüre krachend ins Schloß und Ruhe rieselte sachte, wie ein atomarer Ascheregen, in den Hof. Welch groteskes Schauspiel. Kopfschüttelnd widmete ich mich wieder dem Geschirr und dachte über die Stimme nach. Ich kannte diesen Mann. Gedankenverloren hantierte ich im warmen Wasser, als die Stimme plötzlich ganz nah bei mir war. Unmittelbar unter meinem Fenster im zweiten Stock. Das war natürlich physisch gar nicht möglich.
„Hey, hey du!“, flüsterte es kratzend, aber eindringlich. „Lach nicht! Du hast keinen Grund dazu. Du schon gar nicht!“ Ich traute meinen Ohren kaum, wie konnte der alte Mann so dicht unter dem Fenster zu mir sprechen? Ich beugte mich wieder vor, um einen Blick zu erheischen, aber es war nichts zu sehen. „Hallo? Wer sind sie? Was soll das?“
Die alte Stimme hustete bröckelnd wie eine verwitterte, rissige Felswand, um dann heiser lachend Unfassbares zu flüstern:
„Hast du mich nicht erkannt? Ich bin du…in dreißig Jahren! Es ist alles nicht gut gegangen. Du hast es vermasselt! Es ist nichts passiert, gar nichts von dem, was du dir erhofft und gewünscht hast! Deine ganzen Pläne sind wie vollgeschissenes Toilettenpapier einfach hinfortgespült worden, hahaha! Nichts hast du erreicht. Gar nichts. Außer Verachtung und Hunger. Ich sage es dir nur dieses eine Mal: Gib besser einfach sofort auf! Du bist es nicht!“ Dann lachte er noch einmal sehr laut und lange. Dabei entfernte sich die Stimme zusehens, wurde immer leiser, zerbröselte akustisch in viele trockene Krümel, bis wieder völlige Stille in meinen Ohren eine dumpfe, weiche Decke auf mein Hirn legte. Ich war kein menschliches Wesen mehr, ich war ein bläulicher Eisblock. Erstarrt. Schroff. Kalt und tot. Meine Hände verharrten im nur noch lauwarmen Spülwasser.
Stimmt. Das war meine Stimme gewesen. Als alter, obdachloser Mann, bar jeder Zuversicht, mit einem Meer gescheiterter Ideen im bräsig gesoffenen Schädel. Ich hatte zu mir selbst gesprochen. Aus der Zukunft. Der schäbigen. Kurzentschlossen klappte ich das quietschende Fenster wieder zu.
„Hunger.
Alles was bleibt, ist der Hunger und das Scheitern!“, schrieb ich mit noch feuchten, schrumpeligen Fingern in mein Notizbuch. „Das habe ich mir erzählt! Und ich würde mich ja niemals selbst belügen, in dreißig Jahren, oder?“

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Kurzroman 51: Der Mann ohne Gesicht

Als er morgens abrupt vom sandigen Schlaf in den hellen Tag gespuckt wurde, spürte er sofort, dass irgend etwas nicht stimmte. Kein Schmerz, keine Benommenheit, keine Trauer, nein…aber er fühlte sich irgendwie unvollständig. Verwirrt stand er auf, ging ins Bad und blieb wie angewurzelt vor dem Spiegel stehen: Unfassbar! Er hatte kein Gesicht mehr! Sein Kopf war noch zu sehen, aber seine Augen und alle Details, die ein Gesicht ausmachen, waren verschwunden. Oder waberten undeutlich herum. Wie konnte das sein? Er war ja nicht blind. Hastig zog er sich an und schob diese Episode auf den Alkoholkonsum letzter Nacht. Er würde kürzer treten müssen. Unbedingt. Schliesslich verließ er seine Wohnung und trat er auf die Straße. Niemand nahm Anstoß an ihm oder drehte sich um. Wenn er wirklich Gesichtslos wäre, würde das doch nicht unbemerkt bleiben. Wie ein unsichtbarer Lurch glitt er durch die Menschenmenge. Bisweilen erhaschte er im Vorübergehen einen kurzen Blick auf sein Spiegelbild in Schaufenstern. Sein Gesicht fehlte entweder gänzlich oder floss seltsam unscharf über seinen Kopf. Wie Augen-Mayonnaise. Grauenhaft. In der Ubahn fasste er dann den Entschluss, ein Selbstporträt mit der Kamera seines Telefons zu schiessen. Wenn schon seine Wahrnehmung zerrüttet war, so wäre doch die Technik sicher unbestechlich und präzise. Also hielt er möglichst unauffällig und beiläufig das Telefon vor sein Gesicht und schoss ein Bild. Er wagte es zunächst kaum, auf dem Display das Ergebnis zu betrachten. Kniff ein Auge zu und blinzelte vorsichtig, wie bei einer entsetzlichen Szene im Horrorfilm, auf das Ergebnis: „Auf diesem Foto konnten keine Gesichter erkannt werden!“ Das war der Beweis. Die Technik log ja nicht, der Algorithmus war sicher nicht psychotisch und von Halluzinationen geplagt. Er war Gesichtslos. Es war geschehen. Auch ihn hatte es erwischt. Wie all die anderen, die jeden Morgen mit ihm, ohne Gesicht und auch nur winzige Spuren eines eigenen Lebens, in der Ubahn saßen. Verdammt. Er war jetzt einer von ihnen. Von allen diesen Menschen, dort draußen.

KURZROMAN 50:

 

Er hatte den Jahreszeiten immer misstraut. Vor allem dem Herbst, mit seiner ekelhaft spektakulären Farbpracht. Das war doch nur Schau. Ein paar Tage groß und imposant tun, um danach als träge schlechtgelauntes Wetter, grau und nasskalt, bei höchstens 6 Grad, ganz billig durchs Jahr zu faulenzen. Für wirklich lange Zeit. Reiner Trickbetrug und eine flache Durchhalteparole bis zum Frühsommer. Aus diesem Grund begrüsste er jeden ihm zu Ohren kommenden Novembersuizid als ehrliche Sache. Wie konnte man sich so sicher sein, dass die Sonne und mit ihr das Leben, einfach immer wieder aufs Neue zurückkam? Was, wenn einfach alles immer so grau und farbtot bliebe? Und so stand er oft tagelang hasserfüllt im Garten und erfreute sich am kollektiven Untergang des Lebens um ihn herum.

Er war im Grunde ein unverbesserlicher Optimist.

Kurzroman 49 „Das Fingerproblem“

Er saß in einem Straßencafe. Die vor Minuten noch strahlende Sonne hatte sich inzwischen matt hinter grauen Hausdächern versteckt. Im Grunde eine ekelhaft gewöhnliche Alltagssituation. Touris, Lärm, schlechter Kaffee, Wasser und das Mobiltelefon in seiner Hand. Nur schnell ein paar Nachrichten tippen. Sein Tunnelblick starrte auf das Display, seine dunklen, dürren, langen Finger begannen langsam zu schmerzen. Aber es gelang ihm immer schneller zu schreiben. Moment mal: Dunkle Finger? Jetzt nahm er erstmals bewusst wahr, welche Nachricht er da dutzendfach an seine Freunde geschrieben hatte: „Es wird kalt und dunkel draußen, drum krieche ich in dein Schlafzimmer und sauge dich blutleer, wenn du träumst!“
Was war das? Was war in ihn gefahren? Und warum schmerzte seine Hand? Er streckte sie in Gänze aus seinem Jackenärmel hervor: Seltsam haarig war sie, aber alle acht Finger noch dran. Acht? Jetzt sah er es genauer: Anstelle seiner Finger, tippten schwarze Spinnenbeine ungeduldig auf die Tischplatte. Fast unhörbar und ungemein zart-lautig: „Tapp, Tapp, Tapp!“ Der Kellner erschien hinter ihm und fragte ihn über seine linke Schulter, ob er noch etwas wünsche. Ertappt zog der Spinnenfingrige seine Hand schnell in seinen Jackenärmel zurück. „Einen doppelten Sambuca bitte und Streichhölzer!“
Inzwischen hatte seine Hand in der Jacke ein dichtes Netz gesponnen. Die ersten erstaunten Antworten seiner Freunde trudelten auf seinem Smartphone ein. Er wagte es kaum, nach seiner anderen Hand zu schauen, denn er war sich sicher, flüchtig den Schatten einer Krebsschere wahrgenommen zu haben. Immerhin gelang es ihm mit dieser Zangenhand noch mühsam, den Sambuca über die Spinnenhand zu schütten und anzuzünden.
Niemand nahm im Cafe davon Notiz und seinem Kellner war dies alles inzwischen auch egal. Denn er war eine Seeschlange geworden und die waren für ihre Gleichgültigkeit bekannt. Heute war seltsam. Solche Tage gab es halt immer mal. Einfach nichts draus machen. Keine große Sache im Grunde.

Kurzroman 48: Der Wolkenbeschimpfer

Der Wolkenbeschimpfer.

Er saß ganz entspannt in seinem großen Plastikstuhl, mit dem Rücken zum Meer. Der gegenüberliegende Leuchtturm warf am Nachmittag nun einen sehr langen Schatten, wie eine riesige Sonnenuhr inmitten der kargen Landschaft. Die Bar war alt, etwas heruntergekommen, klein, aber sehr liebenswert. Carlo saß jeden Tag hier. Irgendwann. Und trank sein Bier. Oder auch einen Kaffee mit Schnaps. Er war alt, wie alt konnte man gar nicht sagen, denn sein Gesicht war von der Sonne ledrig gegerbt, das war hier so üblich bei Fischern. Oder alten Surfern.

Sein Körper war sehr hager, fast jugendlich geschmeidig. So saß er auf einem angewinkelten Bein, fast wie ein fröhliches neunjähriges Ballettmädchen. Das hielt ihn wohl in Spannung, aber auch davon ab, nervös mit beiden Füßen zu wippen. Sein Haar unter der verblichenen Kappe war weiß, aber voll. Carlo konnte Siebzig sein, aber auch erst Fünfzig. Sein wahres Alter war wohl im Laufe der Zeit vom hier ständig wehenden, warmen Wind einfach über das Meer geblasen worden und für immer verschwunden.

Die Sonne, die Sonne, endlich!“, sagte er zu mir gewandt und leerte die kleine grüne Bierflasche in seiner Hand. „Sie ist wieder da, nachdem es den ganzen Morgen bedeckt war, diese scheiß Wolken!“ Dabei spuckte er verächtlich auf den Bürgersteig vor der Bar.

Ich hab aber alles dafür getan, dass sie wieder verschwinden und siehst du: Da ist sie wieder, die erhabene Sonne, meine Freundin!“

Carlo hatte die Angewohnheit im Handumdrehen pathetisch werden zu können. Er überhöhte fast alles. Der ganze Alltag konnte in seinen Worten erhaben sein. Oft wurde er auch laut, redete sich über irgendetwas in Rage, meist Politik. Dann verfiel er rasch in seinen Dialekt und sprach immer schneller, sodass man ihn kaum noch verstand. Er brauchte grundsätzlich bei jedem Thema der Weltgeschichte vielleicht fünf Minuten, um eine Revolution auszurufen, die Reichen an die Wand zu stellen und alles Geld unter den Armen, also auch ihm, zu verteilen. Er hatte da dutzende, sehr einfache und gewalttätige Pläne. Das war der Punkt, an dem sich die meisten Stammgäste immer etwas zur Seite drehten, um nicht antworten zu müssen. Auf die immer gleichen Fragen der ewigen Weltrevolution.

Doch heute ging es ihm nur um das Wetter. Besser gesagt die Sonne. Noch genauer: Diese verdammten Wolken!

Die kommen fast immer von Nordwesten und bringen nichts Gutes! Da liegt Amerika, die Wurzel allen Übels!“, dessen war er sich sehr sicher.

Ich habe die Wolken schon als Kind gehasst, immer! Ich weiß, sie bringen den Regen und das Wasser, aber ich bin kein Bauer, ich esse fast nichts, außer Fisch und der lebt im Meer. Ich trinke auch kein verfluchtes Wasser, der Teufel soll mich holen!“, er bekreuzigte sich rasch drei Mal und lachte. Überhaupt schmunzelten und blitzten seine Augen eigentlich immer. Egal wie aggressiv seine Rede gerade war, wie sehr er sich auch immer aufregte, da waren stets diese schmalen, listigen, jungenhaften grauen Augen. Sie signalisierten in einem fort, dass er sich selbst am wenigsten von allen Ernst nahm.

Ich habe den ganzen morgen vorne am Hafen gesessen, an der Mole und gemacht, das die Wolken wieder verschwinden. Ich finde dafür habe ich ein Bier verdient, oder?“

Er lächelte mir auffordernd zu. Dabei zeigte er unbefangen sein eher lückenhaftes Gebiss.

Also orderte ich bei der Kellnerin noch ein Fläschchen Tropical für ihn. Zufrieden grinsend rückte er langsam mit seinem Stuhl näher an mich heran. Dabei sah er sich sachte nach hinten zum Meer um. „Die Wolken und ich, weißt du, wir sind im Krieg, schon immer. Ich liebe die Sonne, ich liebe das Licht und die Farben. Vom frühen Morgen, wenn sie noch zart und rosig durch blaugrünen Dunst hier hochsteigt, über die Wüste schleicht und die Schatten weich und lang ins Land tasten. Dann wandert sie, immer schneller, wird richtig wach, als wenn sie einen ersten Kaffee hatte. Alles wird deutlicher, die Farben intensiver, es wird wärmer, bis sie Mittags fast senkrecht über meiner Kappe steht. Blau ist das Licht dann, scharf und man muss sich hinlegen und schlafen. Das ist gut so. Schließlich sinkt sie wieder und macht alles immer wärmer. Das ist fantastisch. Man steht wieder auf, geht in die Bar und fängt an richtig zu trinken. Bis sie wieder hier hinter dem Leuchtturm verschwindet, im Ozean und alles in Pflaumenlicht taucht. Kennst du das? Es ist wirklich wie eine Pflaume. So violett und blau wie die Schale und gleichzeitig warm und gelblich-ockerfarben, wie das Fruchtfleisch. Mit einem winzigen Hauch Grün.“

Beim Stichwort grün erinnerte er sich an die kleine grüne Bierflasche in seiner Hand und setzte sie gierig an, um sie in einem Zug zu leeren.

Und weil das so ist und ich die Sonne so liebe, kämpfe ich hier gegen die Wolken. Nicht die kleinen, weißen Wölkchen, nein die sind hübsch, wie kleine weiße Kätzchen. Die geben dem Himmel Konturen und Leben, sie bewegen sich, machen schnell wandernde Schatten über den Bergen. Das ist besser als jedes Kino. Und immer anders. Sie erzählen dir auch nie wie im Fernsehen die ewig gleichen Geschichten. Nein. Aber ihre Eltern, diese erwachsenen Wolkenbänder, diese Heere des Grau und des Dunkel, diese Ritter des Bösen, die hasse ich!“

Wieder spuckte er in großer Geste verächtlich auf den Boden. So, als wenn alle kommenden Tiefdruckgebiete es hören könnten und als Warnung verstehen sollten:

Hier saß Carlo, ihr Feind, stets bereit gegen sie zu kämpfen.

Und was willst du dagegen machen?“, fragte ich fast ketzerisch.

Ha! Ich verjage sie! Löse sie auf. Sie ziehen ganz schnell weiter, wenn ich nur erst mal anfange! Das kannst du mir glauben! Ich habe da so meine Methode. Die habe ich lange ausprobiert und immer weiter verbessert. Es ist mein Geheimnis. Wenn ich nur wollte,ach ich könnte sehr reich damit werden. Überlege doch mal: Da wo du her kommst, da gibt es doch fast nichts anderes. Nur Wolken! Ich war mal da. In Hamburg. Drei Tage. Grauenhaft! Wirklich. Alles grau. Ihr könntet damit handeln, Wolken einfangen und an Wüstenscheichs verkaufen, wenn ihr nur schlau genug wäret. Am zweiten Tag in Hamburg, habe ich mich an den Hafen gestellt, oben, hinter den Nutten, dieser kleine Berg und hab angefangen die Wolken zu vertreiben. Nach einer Stunde war die Sonne da und alle hatten auf einmal wieder lebendige Gesichter und lachten. Aber am nächsten Tag war alles wieder voll mit diesen Wolken. Man kommt ja gar nicht mehr hinterher, das ist ja bei euch die reinste Sisyphusarbeit, schrecklich. Ich bin dann gleich wieder weg. Nichts für mich. Nur schuften und schuften, für ein kleines bisschen Sonne, nein!“

Er leckte sich die inzwischen trockenen Lippen, beugte sich verschwörerisch zu mir rüber und flüsterte: „Willste wissen wie ich es genau mache? Willste es wirklich wissen?“

Noch ein Bier für Carlo!“, rief ich der Kellnerin zu. Die Entschlüsselung eines solchen Weltgeheimnisses, das war mir ein weiteres, billiges Bier wert.

Ich beschimpfe sie, die Wolken!“, flüsterte er.

Du beschimpfst sie?“, fragte ich ungläubig und fühlte mich etwas verarscht.

Ja, er beschimpft sie tatsächlich“, sagte die Kellnerin, die inzwischen mit dem Bier an unseren Tisch gelangt war. „Ich hab das selbst schon mehrfach erlebt, obwohl er es nicht gerne hat, wenn Leute dabei zuhören. Aber ich bin sowas wie seine Nichte, mich hat er schon als kleines Mädchen manchmal mitgenommen und zuhören lassen, wenn er mit den Wolken sprach. Zu den kleinen Wolken ist er ganz zärtlich, fast wie ein Vater, aber wehe es kommen die großen, dunklen Wolken oder gar ein Gewitter! Dann geht es los, man weiß manchmal gar nicht, wer lauter ist, Carlo oder der Donner!“

Carlo lächelte zufrieden, lehnte sich zurück, prostete mir zu und nahm einen tiefen Schluck. „Ich beschimpfe sie nicht einfach nur so. Wenn du dich jetzt dort hinstellen würdest und anfingst zu fluchen und zu wettern, sie würden dich nur auslachen, die Wolken. Dich verhöhnen und dich kurz einregnen, bis du wie ein begossener Pudel nach Hause schleichst. Nein, dazu gehört schon mehr. Ich habe sie in all den Jahren belauscht, ihnen heimlich zugehört, ich kenne ihre Ängste und Schwächen. Ich weiß, wo ich sie packen kann. Man braucht ein Gefühl dafür. Keine Wolke ist wie die andere. Du musst sie beobachten, langsam auf dich zutreiben lassen und vor allem keine Angst zeigen. Du musst sie mit klarem Blick ansehen, Stärke zeigen. Das ist nichts für Feiglinge!“

Ich lachte kurz auf, schüttelte den Kopf und nippte an meinem Kaffee.

Lach nicht, das ist eine ernste Sache! Komm näher, ich werde dir jetzt mal ein paar Beispiele geben und dir sagen, womit man den Wolken kommen kann. Ich mag dich, du bist eine ehrliche Haut. Ich werde immer älter, eines Tages werde ich das nicht mehr machen können, dann muss jemand anderes dafür sorgen, das hier immer die Sonne scheint. Es muss ja weiter gehen. Niemand ist unersätzlich!“

Mit diesen Worten rückte er verschwörerischen und ernsten Blickes immer näher und gebot mir, mein Ohr zur Verfügung zu stellen.

Ich habe irgendwann nicht mehr alles genau mitbekommen, weil er sich wieder in Rage flüsterte, aber das was ich verstand, ließ mein süffisantes Lachen verstummen. Es klang alles ganz einleuchtend, sogar beeindruckend. Ich würde solche Worte an Stelle der Wolken auch nicht über mich ergehen lassen wollen. Ich kann und will das jetzt hier nicht weitergeben. Es ist mitunter sogar sehr grauenvoll. Außerdem habe ich absolutes Stillschweigen darüber schwören müssen.

In jedem Fall lachte ich ab diesem Tag nur noch mit und keinesfalls mehr über ihn. Voller Respekt war ihm ein Bier von mir am Tag sicher, denn er sorgte für unsere Sonnensicherheit. Das war mir seither klar. Und ich beneidete sie wirklich nicht, wenn ich sie aus der Ferne aufziehen sah, die dunklen Wolkenbänder, wie sie keck in unsere Richtung zogen. Nichtsahnend.

Ich wusste, er würde schon an der Mole auf sie warten, hasserfüllt, wortgewaltig und grausam:

Carlo, der Wolkenbeschimpfer.

KURZROMAN 47: DIE HEROINE

Seit wann das genau so war, konnte sie gar nicht sagen. Es musste sich irgendwie eingeschlichen haben. Vielleicht war es auch einfach in der Nacht über sie gekommen. Und das gänzlich ohne spektakulären Grund. Kein Biss einer radioaktiven Spinne, nicht einmal ein unheimlicher Selbstversuch im heimischen Kellerlabor. Sie war nicht von den Sternen herunter auf die Erde gefallen, sondern ganz normal, als Tochter ihrer bürgerlichen Eltern, ordnungsgemäß im Krankenhaus entbunden worden. Soweit man sich dessen im Nachhinein eben sicher sein kann. Ihre hervorstechendste Eigenschaft war bislang ihre sehr aufrichtige Durchschnittlichkeit gewesen. Im Grunde mochte sie ihr Leben soweit. Es war wirklich nichts Besonderes, aber es fehlte ihr auch an nichts.

Und nun das. Sie konnte alles. Wirklich alles. Es gab nichts mehr, was sie nicht konnte. Einfach so. Sie war eine wahrhaftige Superheldin geworden. Kein anderer Begriff wäre zutreffender. Sie konnte zum Beispiel fliegen, wenn sie nur wollte. Sie hatte das einmal im abgelegenen Teil eines großen Parks in ihrer Stadt ausprobiert. Und sie flog perfekt, als hätte sie nie etwas anderes getan. Eines Nachts ist sie sogar einmal heimlich zum Mond geflogen. Als ihr Mann schon schlief. Das war aufregend. Interessant. Irgendwie auch verwirrend. Aber mit wem sollte sie darüber reden? Deshalb erschien es ihr nutzlos.

Dann und wann erprobte sie immer mal wieder die ein oder andere Eigenschaft. Stets im Verborgenen. Doch egal, was sie auch ausprobierte, es gelang ihr sofort. Sie konnte zum Beispiel tonnenschwere LKWs mühelos anheben. Sie las die Gedanken ihrer Kolleginnen im Büro. Das hatte ihr zunächst sogar noch Spaß gemacht, weil man es heimlich durchführte, diskret. Aber mit der Zeit wurde es entweder sehr fade, weil zwischenmenschliche Kontakte keinerlei Überraschungen mehr bargen oder mitunter sogar unappetitlich. Diese ganzen Wahrheiten und Diskrepanzen zwischen Gedachtem und Gesagtem. Unangenehm.

Also versuchte sie es gar nicht erst mehr. Ihre allwöchentliche Joggingstrecke von 7 km Länge hatte sie einmal in nur zehn Sekunden zurückgelegt. Ohne außer Atem zu geraten. Das war seltsam aber auch sehr unbefriedigend. Unverletzlich war sie ebenfalls geworden. Sie konnte sich mit dem scharfen Küchenmesser beliebig oft in den Finger schneiden. Ohne Folgen. Kein Tropfen Blut, nichts!

Neulich dachte sie über Zeitreisen nach, verwarf den Gedanken aber sofort wieder, nachdem sie nur kurz einmal im Kreißsaal bei ihrer Geburt vorbeigeschaut hatte. Was sollte sie nur mit all diesen Fähigkeiten anfangen? Sie hatte schließlich nie darum gebeten.

Man könnte sich natürlich in den Dienst der Menschheit stellen, Gutes tun, das Böse und Ungerechtigkeiten bekämpfen. Wie diese anderen, aber natürlich nur ausgedachten Superhelden in den Comics. Das war der Unterschied zu einer reinen Fiktion, einer Sehnsucht eines Zeichners, der sich in andere Welten träumt, diese gestaltet, zu Papier bringt und sich eine heroische Aufgabe sucht. Weil er sicher selbst das genaue Gegenteil davon war. Oder, weil es Geld einbrachte. Diese Geschichten brauchten selbstverständlich einen Sinn. Einen logischen Anfang, eine triftige, überhöhte Ursache und dann einen Plot, eine sich fortsetzende Geschichte, in abertausenden Varianten immer das Gleiche erzählend. Diesen, ja immer nur erdachten Wahnsinn, für die Menschen erklärbar und damit Alltagstauglich und ungefährlich machen.

Aber sie hatte sich das nicht ausgedacht. Es war einfach Realität. Sie verfügte über jede nur denkbare Superkraft. Der Traum vieler. Aber nicht ihrer. Warum war das so? Die unzähligen Comics waren ihr Warnung genug: Ein normales Leben war nur noch unter größten Mühen, perfekter Tarnung oder auch gar nicht mehr möglich. Sie wollte nicht auf irgendeinem Planeten einsam wohnen müssen oder in einer Totenkopfhöhle im Dschungel hausen. Eine Superheldin zu sein, das war in etwas so lästig, wie mit einem großen Lotteriegewinn in der Zeitung zu stehen. Das alte Leben wäre auf der Stelle beendet. Man würde sie einsperren wollen, denn man wusste ja, dass es Superhelden nicht gibt. Das war die unumstößliche Grundbedingung dieses Narrativ. Reine Fiktion. Und wer das Gegenteil behauptete und sogar unter Beweis stellen konnte, der würde gehetzt werden. Eine Anomalie des Universums, die sofort Hass und Neid auf sich ziehen würde. Man müsste sich dann wehren, Leuten weh tun, fliehen und einsam leben. Das wollte sie auf gar keinen Fall.

Wie würde ihr Mann reagieren? Frank war sicher kein Held, eher ein ganz durchschnittlicher, im Grunde aber liebenswerter Typ. Er hasste es schon, wenn sie ihn früher, an einem Sonntag, einmal knapp im Minigolf besiegt hatte. Wie würde er erst reagieren, wenn er wüsste, dass sie ihm auf jedem erdenklichen Feld völlig überlegen ist? Das wäre das Ende der Ehe. Und sie wollten ja zusammen Kinder haben. Ein normales Leben leben. Wie alle anderen. Ohne große Aufregung.

Vielleicht würden diese Superkräfte eines Tages genau so wieder verschwinden, wie sie aufgetaucht waren. Das wäre ihr am liebsten. Es war zwar ganz schön zu wissen fliegen zu können, wenn man denn nur wollte. Aber deshalb musste man es ja nicht laufend wirklich machen oder gar öffentlich zur Schau stellen. Also beschloß sie, darüber weiterhin Stillschweigen zu bewahren und Situationen tunlichst zu vermeiden, in denen sie gezwungen sein könnte, zum Beispiel Röntgenstrahlen aus ihren Augen zu verschießen. Oder eine Flamme nur mit dem Schnipsen eines Fingers auflodern zu lassen.

Und so gewöhnte sie es sich an, ihr Licht systematisch unter den Scheffel zu stellen, sich klein zu machen und möglichst wenig Aufmerksamkeit zu erregen. Einfach nur leben. Unauffällig. Den Männern und Menschen beim Aufplustern zusehen, beim Wettkampf, bei der Verdrängung anderer, beim Angeben und immer auch beim Scheitern.

Sie würde sich nur dann und wann ein wissendes Lächeln gönnen. Und still hoffen, eines Tages nicht, von spontaner Begeisterung getrieben und dämlicher Unachtsamkeit umnachtet, die Bürowände hoch zulaufen, schließlich an der Decke klebend auf alles herunterzusehen und zu brüllen:

„Scheiß auf die Superkräfte!“

 

 

 

 

 

KURZROMAN 46: DER DIEB

Er war sehr geschickt, denn man bemerkte zunächst fast nichts. Bis heute weiß niemand, wie er es genau anstellt. Es musste einen Trick geben, eine fiese List oder irgendeine Schwachstelle im Hirn. In jedem Falle stahl er so ziemlich alles, was ihm gefiel. Nahm es mit, entfernte gründlich alle Spuren, bis nichts mehr an seine Beute erinnerte. Niemand war vor ihm sicher. Er schlich sich irgendwie an oder besser gesagt ein. In unzähligen Köpfen griff er zielsicher mit kalter Gedankenhand zu.

Bei sich zu Hause musste er all das dann irgendwie horten. Lagern. Stapeln. Vielleicht katalogisierte er sorgfältig und räumte es griffbereit ein oder er warf es einfach übereinander. Man wusste es nicht. Sicher war einzig und allein, dass er nur die schönen Erinnerungen stahl. Emotionale Dinge. Tiefe Gefühle. Seien es Tränenmeere oder Gelächterseen. Flüsse plumper Freuden oder Strände voller Sentiment. Egal ob winzig klein, als riesige Menge Gedankensand funkelnd oder als kitschige, riesige Gedankenfeuerwerke.

Im Grunde war er nicht wählerisch, solange herrliche Emotionen aus dem Diebesgut tropften. Niemals stahl er Geheimzahlen, Pincodes, Kontonummern oder Adressen, Namen, Geburtstage. Das wäre viel zu auffällig. Und auch nutzlos. Er wollte kein Geld. Er begehrte Gefühle.

Die Bestohlenen waren oft lange ahnungslos. Sie schlenderten weiter durch ihr Dasein, funktionierten im Grunde so einwandfrei wie unauffällig. Einzig dann und wann, wenn man zum Beispiel einen alten Freund traf und Anekdoten auf den Tisch kamen, dachten die Opfer mitunter wirklich angestrengt nach. Aber so sehr sie auch aufs Hirn drückten oder ihre Seele wrangen, da war nichts mehr. Keine Erinnerung. Vor allem kein Gefühl. Erste Küsse oder Räusche? Weg! Nichts! Auch die Trauer, einfach entwendet! Die lang verstorbene Großmutter? Ein leerer Grabstein ohne Namen. Nur noch Grau.

Das irritierte einige zunächst ein wenig, man gab schnell dem Alltag die Schuld.

„Vielleicht ist das so, wenn man erwachsen wird…oder älter! Wer weiß das schon?“

Man war ja schließlich zum ersten Mal erwachsen oder alt. Mit wem sollte man auch darüber reden und gar gestehen, nichts mehr zu fühlen?

Und der Dieb? Er quetschte die Emotionen aus den schönen Erinnerungen und ließ sie sich verschwenderisch in den Mund rinnen. Danach warf er sie weg wie leere Orangenschalen. Achtlos, wenn nicht sogar verächtlich. In der Melancholie, Trauer oder Verzweiflung anderer, da wälzte er sich nackt wie ein Wildschwein in seiner Suhle. Ungestüm. Ekstatisch.

Er selbst mochte keine emotionalen Lebenssituationen. Er schätzte die unaufgeregte Gleichförmigkeit. Gefühle, das hieß auch immer beteiligt sein. Verantwortung. Unruhe. Chaos. Andere Menschen im eigenen Leben, mit Begierden, Forderungen oder sogar Liebe. Das war ihm fremd. Es stieß ihn sogar ab.

Nach seinen Bädern in den gestohlenen Emotionen anderer Menschen, beruhigte er sich meist recht schnell, reinigte sich sehr gründlich, zog sich wieder sorgfältig an, tat unbeteiligt und verschwand unbemerkt in der Menschenmenge.

Niemand weiß wie er aussieht. Aber es gibt ihn. Vielleicht sitzt er gerade jetzt unmittelbar in der Nähe des Lesers. Unauffällig lauernd.

Der Dieb der schönen Erinnerungen.